Stephan Serin



Chaussee der Enthusiasten

Mittwoch, 29. Februar 2012

Buchpremierenfeier am 30. März

Am 2. April erscheint mein zweites Buch, Musstu wissen, weiss'du!, die Fortsetzung von Föhn mich nicht zu! Eine Leseprobe gibt es bisher nicht, aber ich kann schon verraten, dass auf den 250 Seiten auch Melanie wieder eine Rolle spielen wird, die im Band 1 noch die Freundin des Erzählers war. Ich füge diesen Hinweis für die Leserinnen bei, die sich vor allen Dingen vom Liebesleben der Hauptfigur angesprochen fühlen.

Feiern werde ich die Veröffentlichung zusammen mit Ulrich Scheel, dem Illustrator des Buches, bereits am Freitag, den 30. März, damit niemand extra auf seine Osterferien verzichten muss. Ich verstehe, dass viele sehr an ihren zwei Wochen Malediven hängen.
Weil er uns beim letzten Mal die Show gestohlen hat, werden wir wieder von Nikolic unterstützt, der immer noch besser singen kann als ich, obwohl ich in den letzten anderthalb Jahren ununterbrochen geübt habe. Los geht’s mit der Party um 20 Uhr. Ort ist die Stenzerhalle auf dem RAW-Gelände. Falls man am Donnerstag bereits zur Chaussee der Enthusiasten geht, kann man also praktisch gleich sitzen bleiben. Das garantiert einem auch den besten Platz. Das dabei erworbene Sitzfleisch kann man im Anschluss an die Lesung wegtanzen, denn wir haben diesmal eine hervorragende DJane gewinnen können, die anders als die meisten Vertreter ihrer Zunft ihre besten Jahre noch nicht hinter sich hat.

Wer in meinem Mailverteiler ist und zur Premierenfeier kommt, kann übrigens ein Exemplar von Musstu wissen, weiss'du! gewinnen.

Montag, 13. Februar 2012

Erklärung der Berliner Lesebühnen zum Schokoladen

Berliner Lesebühnen fordern:


Schokoladen schließen!
Klappt die Bürgersteige hoch!
Der Letzte macht das Licht aus!

Seit 1989 sind in Berlin Dutzende von Lesebühnen entstanden: Ensembles von Autorinnen und Autoren, die in Kneipen und Clubs ihre neuen Geschichten vorlesen.

Berlin schmückt sich gern mit diesen Veranstaltungen, die jedes Jahr von Tausenden von Berlinern und Touristen besucht werden und die inzwischen etliche namhafte Kabarettisten und Schriftsteller hervorgebracht haben.

Leider interessiert sich die Berliner Politik nicht dafür, was für die Entstehung einer solchen lebendigen Szene notwendig ist: Cafés, in denen die Getränkepreise so niedrig sein können wie der Eintritt. Kneipen, in denen Künstlerinnen und Künstler einfach etwas ausprobieren können, ohne dass es Geld abwerfen muss. Clubs, deren Betreiber sich nicht ständig sorgen müssen, wie sie die grotesken Renditen für die Hausbesitzer erwirtschaften können.
Nun soll auch der Schokoladen schließen und von der Polizei geräumt werden.

Ohne Orte wie den Schokoladen wären die Berliner Lesebühnen nie entstanden!

Bis vor wenigen Jahren konnten wir uns leicht trösten, wenn wieder einer dieser Orte schließen musste. Es gab ja noch andere. Das war einmal. Heute gibt es praktisch keine Orte mehr, an denen noch etwas entstehen könnte.

Die östliche Innenstadt nähert sich einem Zustand der Stagnation.

Wir können an dieser Stelle nicht ausführlich auf den Prozess der Gentrifizierung eingehen, den wir ohne es zu wollen selbst mit angestoßen haben. Dazu haben sich andere bereits fundierter geäußert, als wir es könnten. Doch wir sehen mit Wut, wie das allgemeine und für alle Bevölkerungsschichten geltende “Recht auf Stadt” immer mehr zum Privileg der Gut- und Besser- und Bestverdiener zu werden droht.

Die Berliner Lesebühnen und ihre Freunde beteiligen sich an den Aktionen zur Rettung des Schokoladens. Und wir bitten alle, die uns kennen, uns dabei zu unterstützen.

-> Kommt zur Demo gegen die Räumung des Schokoladens:
Dienstag 21. Februar, 17.30 Uhr
Klub der Republik, Pappelallee 81
(U-Bhf. Eberswalder Str.)

-> Stellt euch der Räumung in den Weg:
Mittwoch 22. Februar, 8 Uhr
Schokoladen, Ackerstrasse 169
(U-Bhf. Rosenthaler Platz)

Unterzeichner/innen

Einzelpersonen

Ahne
Andreas “Spider” Krenzke
Andreas Gläser
Andreas Jeromin
Andreas Kampa
Andreas Scheffler
Anselm Neft
Bov Bjerg
Clint Lukas
Dan Richter
Daniela Böhle
Elis
Falko Hennig
Felix Jentsch
Frank Sorge
Frédéric Valin
Hans Duschke
Heiko Werning
Hinark Husen
Horst Evers
Ingolf Penderak
Ivo Smolak aka Ivo Lotion
Jacinta Nandi
Jakob Hein
Jochen Schmidt
Judith Hermann
Jürgen Witte
Karsten Krampitz
Kirsten Fuchs
Konrad Endler
Lea Streisand
Lt. Surf
Manfred Maurenbrecher
Martin “Gotti” Gottschild
Micha Ebeling
Paul Bokowski
Robert Naumann
Robert Rescue
Robert Weber
Sarah Bosetti
Sarah Schmidt
Sebastian Krämer
Stephan Serin
Sven van Thom
Thilo Bock
Tilman Birr
Tobias “Tube” Herre
Udo Tiffert
Uli Hannemann
Volker Strübing
Volker Surmann
Wladimir Kaminer

Lesebühnen

Brauseboys
Chaussee der Enthusiasten
Der Frühschoppen
Kantinenlesen
Liebe statt Drogen
Lokalrunde – die Show mit Weltniveau
Radio Hochsee
Rakete2000
Reformbühne Heim & Welt
Surfpoeten
Texte im Untergrund
Tiere streicheln Menschen

Lesebühne Vision & Wahn
Periplaneta Verlag
Marion Alexa Müller
Thomas Mangold

Montag, 30. Januar 2012

Anzeigen

Als ich noch jung war und Zeit hatte, schrieb ich hin und wieder Anzeigen. Es hat nie einer auf sie geantwortet. Vielleicht habe ich sie deswegen aufgehoben. Hier sind einige von ihnen.



Adoption

Wir, ein junges, beruflich erfolgreiches und liebevolles Ehepaar, möchten gerne ein Kind adoptieren. Wir haben schon Erfahrung mit der Erziehung von Kindern gemacht und würden unseren achtjährigen Sohn, der seit seinem Unfall im Rollstuhl sitzt, am liebsten gegen einen gesunden Jungen in seinem Alter eintauschen.


Kartoffelsalat

Wir haben noch eine Menge Kartoffelsalat mit Mayonnaise von unserer Geburtstagsparty am Sonnabend übrig. Wer daran Interesse hat, der melde sich bitte am Freitag unter ...

Fahrrad

Verkaufe nagelneues Mountainbike, 21 Gänge, Shimano-Schaltung, superleichter silberner Carbon-Rahmen, Federgabel + Kettenschloss ohne Schlüssel für 500 Euro. Der ehemalige Besitzer bekommt 50 Euro Rabatt.

Portemonnaie

Wer hat mir letzten Dienstag im 150er Bus mein Portemonnaie gestohlen? Wenn er es mir bis Sonnabend wiederbringt und nichts fehlt, dann drücke ich noch mal beide Augen zu! Ansonsten macht er sich strafbar. Tel ...

Wohnungssuche

a) Tausche Wohnung im ersten bis dritten Stock gegen meine im fünfzehnten. Der Fahrstuhl funktioniert zwar nicht, aber die Wohnungsbaugesellschaft hat angekündigt, ihn sofort zu reparieren, sobald Berlin seine Schulden abgebaut hat.


b) Mehrfach wegen Vergewaltigung verurteilter, aber nichtsdestotrotz sympathischer und unkomplizierter Skinhead sucht für sich und seinen Kampfhund Adolf ein Zimmer in einer türkischen Frauen-WG. Möglichst in Marzahn. (Reintegrationsmaßnahme vom Jugendamt)


Lonely Hearts

a) Ich (40/m), verstehe selbst am wenigstens, wieso ich keine Freundin habe. Dabei sehe ich topp aus und habe viele spannende Interessen, zum Beispiel Musik hören und was mit Freunden unternehmen. Außerdem kann man mit mir Pferde stehlen. Melde dich bei mir, wenn ich dich überzeugt habe.

b) Jahre hast Du auf mich warten müssen und ich auf Dich. Endlich ist mein Alter tot. Wann wollen wir uns treffen?

c) Sah Dich letzten Donnerstag in der S1 zwischen Friedrichstraße und Unter den Linden. Ich unterbrach mein Dienstgespräch für Dich und kaufte Dir einen Straßenfeger ab. Ich würde Dich gerne wiedersehen. Anzeige in der Financial Times Deutschland.

d) Sah Dich letzten Dienstag in der U5 zwischen Frankfurter Tor und Weberwiese und hab mich sofort in Dich verliebt. Du warst die, die sich mit angewidertem Gesicht von mir weggesetzt hat, wozu Du mir aber zunächst einen Schlag versetzen musstest, weil ich Dich schon in meinen Armen hielt. Würde Dir gerne meine blauen Flecke zeigen.

e) Bisher haben alle vor mir Reißaus genommen. Willst Du die erste sein, bei der das anders ist?

f) Ich (35/m) sehe scheiße aus, rieche unangenehm, schwitze viel, habe keinen Humor, keine Interessen, bin dumm und schlage Frauen. Dafür bin ich ehrlich.


g) Du musst akzeptieren, dass du in meinem Leben nur an dritter Stelle hinter meinem Job und Fußball kommst und sich Dein Territorium auf Herd und Bett beschränkt. Sollte das der Fall sein, dann bist Du genau die richtige für mich. Ich geh auch nur sehr selten fremd.


Stellenmarkt

a) Ich (25/w), Kunststudentin, habe mich auf das Zeichnen extrem hässlicher Menschen spezialisiert. Möchtest Du mein Modell sein, dann ruf mich an unter 0170 ...

b) Aldi-Filiale in Berlin sucht junge motivierte Frau (höchstens 30 J.), die ihren Horizont erweitern und ehrenamtlich ganztags als Kassiererin arbeiten möchte. Sollte mindestens drei Fremdsprachen fließend beherrschen, promoviert haben und sexy sein (BH-Größe Doppel-D ohne Silikon).


c) Ich, 45, hab bisher keine Lust zum Arbeiten gehabt. Würde es jetzt aber mal versuchen. 6 Stunden am Tag und 3000 Netto würden mir reichen. Wer nimmt mich?

Dienstag, 4. Oktober 2011

Der schreit so!

Liebe Hörer, willkommen zu einer weiteren Reportage aus der Reihe Berlin bei Nacht oder bei Tag. Diesmal begleiten Sie uns ins Ringcenter 2, genauer: in den Shopping-Tempel Real, der seine Kundschaft mit dem verheißungsvollen Slogan lockt: Einmal hin, alles drin! Entsprechend bunt gemischt ist das Publikum: Arbeitslose, Rentner, PDS-Wähler, NPD-Sympathisanten, Studenten, Eltern, Arbeitnehmer, Freiberufler, Unternehmer, eine Multikulturgesellschaft, die nur eins eint, der positive Hartz-IV-Bescheid. Doch stellt nicht dieses heterogene Publikum ein hochexplosives Gebräu dar, das jederzeit in die Luft gehen müsste?
Diese Frage beschäftigt mich, als ich mich durch die links von den Kassen befindliche Schleuse bewege. Damit mich die Realkunden für einen der Ihren halten und sich mir gegenüber ganz natürlich benehmen, kaschiere ich meine Journalistenidentität, indem ich einen Einkaufswagen vor mir herschiebe.

Erstaunliche Ruhe und Gelassenheit empfängt mein geschultes Reporterauge und -ohr auf den ersten Metern dieses Megadiscounters. Die Lichtenberger Mischpoke ist überraschend ruhig angesichts der zahlreichen Cleavages, die sich hier wie unter einem Brennglas manifestieren. Arm vs. noch ärmer, rechts vs. rechtsextrem, Plattenbau vs. Halbaltbau. Ruhig schiebt ein Alkoholiker seine Flaschen eine nach der anderen in den Pfandautomaten. Eine junge, wasserstoffperoxidblondierte Frau mit I love Justin-Elias-Tattoo auf dem linken Oberarm wartet geduldig, ohne zu mosern oder körperlich zu werden, darauf, dass sie an der Reihe ist. Auf dem Laufband, das mich ins Untergeschoss befördert, bietet mir eine Rentnerin an, an ihr vorbei zu fahren. Ich muss ablehnen, denn das Band ist zu schmal und hat obendrein Rillen, in denen sich die Räder meines Wagens verhaken. Unten angelangt, verabschiedet sich die postrüstige Dame im klassisch schwarzen Kleid und grüner Strickjacke von mir und zieht ihrer Wege.

Rechts von mir liegt nun die Textilabteilung, in der eine Frau im besten Alter verschiedene Jacken begutachtet. Ich spreche sie an: „Schauen Sie für sich?“ Freundlich, wie man es östlich von der Ringbahn nicht erwartet, gibt sie bereitwillig Auskunft. „Nein! Ich suche nach Jacken für meine drei Söhne. Ah, hier ist es!“ Zielsicher zieht sie drei graue Fleecejacken von der Stange, zu 9 Euro das Stück. „Ich hab Drillinge“, erklärt sie, um sich dann noch mal zu besinnen: „Ach! Ick nehm gleich noch eine Jacke für meinen Mann. Der hat morgen Geburtstag.“ Und ein viertes Exemplar aus grauem Fleece verschwindet in ihrem Wagen. Erst jetzt fällt mir auf, dass sie das gleiche Modell trägt. „So wissen wir immer, dass wir eine zusammengehören“, erklärt sie fast entschuldigend und ich habe Mühe, meine Tränen der Rührung zu unterdrücken. Nie im Leben hätte ich hier, wo doch das soziale Elend grassiert, mit solch intakten Familien gerechnet. Ist Lichtenberg vielleicht doch nicht die Banlieue Berlins, das flammende London Deutschlands? Regieren hier vielleicht doch nicht pure Gewalt und das Recht des Stärkeren, sondern Mitmenschlichkeit und Rücksichtnahme?

Während ich noch darüber nachsinne, erreiche ich das DVDs-Regal. Das Sortiment erstaunt. Von How I met you mother über eine Arthouse-Serie wie Two and A Half Men bis hin zu Sex – der Porno für Paare Volume 3 ist hier wirklich für jeden Geschmack etwas dabei. Ein so breites Angebot hätte ich nicht erwartet. Schräg gegenüber prüft ein Mann in blauer Jogging-Hose und bunter Trainingsjacke gerade ein Mountenbike zu 25 Euro. Es ist beeindruckend, wie gelassen die anderen Kunden mit dieser Situation umgehen. Niemand, der versucht, dem Herrn dieses Schnäppchen streitig zu machen, obwohl sicherlich so manche Geldbörse in diesem Haus nicht mehr als diesen Betrag hergibt. Selbst vor den Waagen im Gemüsebereich verläuft alles ausgesprochen zivilisiert. Es geradezu bewegend, wie harmonisch dieses kleine Ostberliner Völkchen von nur 30.000 Einwohnern seine Einkäufe tätigt und dabei all den Vorurteilen zuwiderhandelt, die ich heute mitbrachte in diesen riesigen Supermarkt. Wer hier Skandal, Sensationen und niedere Instinkte sucht, wie es das Blatt mit den vier großen Buchstaben heischt, das draußen in der Frankfurter Allee auf Plakaten Prominente für sich den Kopf hinhalten lässt, der ist hier fehl am Platz. Hier in Lichtenberg leben auch ganz normale Menschen, das sind keine Barbaren. Das habe ich heute gelernt.

Um diese Lektion reicher, schicke ich mich an, meine Reportage vorzeitig abzubrechen und mich wieder auf den Heimweg zu machen, als von der Fleischtheke her Lärm zu mir dringt. „Mika!! Bleib stehen!! Sonst kommst du in den Wagen. Mika, komm sofort her! Ich hab gesagt, komm her. Bitte, komm her!“ Es ist ein Mann im grauen Vans-Kapuzen-Pulli, dunkelgrauer Jeans und schwarzumrandeter Brille auf der Jagd nach seinem etwa zweijährigen Sohn. Dieser will allem Anschein nach nicht verstehen, dass er sich nicht von seinem Erzeuger entfernen darf. Das Szenario wirkt ein bisschen surreal. Ein Vater, der nicht nur selbst Lebensmittel einkauft, sondern sich obendrein noch um seinen Sohn kümmert. Nur eine Erklärung für diese abwegige Konstellation erscheint mir logisch. Er kommt aus dem Friedrichshain und kauft hier ein, weil im Ringcenter 2 billiger ist als im Ringcenter 1, in dem edlen Boutiquen wie Kaiser's und Tchibo ihre teuren Produkte feilbieten. Für seine Friedrichshainer Herkunft sprechen auch die effeminierte Motorik und der Versuch, seinen Nachwuchs mit Worten zu erreichen. 30 Monate Elternzeit und 500 Latte Macchiatos haben ihn weich werden lassen. Weshalb es ihm auch große Mühe bereitet, seinen frechen Spross, der an der Brotauslage vorbei in Richtung Kühlwaren stürmt, zu erhaschen. Für die Autochthonen muss die Jagd ein noch seltsameres Bild abgeben als für mich, denn die bittere perspektivlose Realität ihres Daseins hat früh gelehrt, dass man Kinder nicht mit einem bitte erzieht. Kindern, die im Supermarkt wegrennen, setzt man nicht nach. Ist doch ihr Problem, wenn sie sich verlaufen. Oder man nimmt sie gar nicht erst mit zum Einkaufen, sondern schließt sie stattdessen in der Wohnung ein. Da kann ihnen nichts passieren. Und zur Not tut’s auch immer eine kräftige Backpfeife. Alles Optionen, die für jungen Vater nicht infrage zu kommen scheinen.

Er hat Mika nun erwischt und in den Einkaufswagen gesetzt. Der Kleine schreit, als brate er am Spieß. Es ist wirklich ungeheuerlich laut. Handelt es sich hier etwa um die erste Belastungsprobe für die Lichtenberge Société? Wie werden die Einheimischen auf diesen Stoßtrupp der Gentrifizierung reagieren, der sich so gar nicht freiwillig den hiesigen Bräuchen, Sitten und Geflogenheiten anzupassen gedenkt? Werden sie ihn an seine Integrationsbringschuld erinnern oder nach Friedrichshain zurückschicken? Oder doch etwa wegschauen, weil sie vor der Immigration längst die Waffen gestreckt haben? Letzteres erweist sich schnell als unbegründete Befürchtung.

Die alte Dame, die mir vorhin schon auf dem Laufband begegnete, taucht unvermittelt hinter den Milchpaletten auf. Sie ist nicht gewillt, die mittägliche Ruhestörung so einfach hinzunehmen. Als sie den Vater und den plärrenden Jungen keuchend erreicht, nimmt sie ihr altersschwaches Herz in ihre zittrigen Hände und manifestiert einen Akt der Zivilcourage, den ich ihr gar nicht mehr zugetraut hätte: „Also, das ist echt unmöglich dieser Lärm! Unmöglich! Einfach nur anstrengend!“, schüttelt dabei engagiert den Kopf und humpelt, ohne eine Antwort des Mannes abzuwarten, mutig weiter zur Wurstauslage. So beherzt hat sie wahrscheinlich schon Hitler und dem DDR-Regime getrotzt. Doch wie zu erwarten schenkt der Gast aus dem Friedrichshain der Mutter Courage kein Gehör. Er hat keinen Sinn für die Verdienste dieser Trümmerfrau um unser Land und lässt seine Brut zu dieser christlichen Stunde, es ist Donnerstag um 14 Uhr, ungerührt weiter schreien.

Doch nun zeigt sich, wie intakt die Lichtenberger Zivilgesellschaft tatsächlich ist. Wo man in Prenzlauer Berg oder Kreuzberg die alte Frau allein gelassen hatte, springt ihr hier umgehend ein blaubekittelter, schnauzbärtiger Real-Mitarbeiter mit Zopf und Halbglatze zur Seite. „Machen Sie nicht so einen Lärm! Sie sind nicht der Einzige hier. Ihr Sohn soll ruhig sein!“ Doch noch immer zeigt der Mann kein Unrechtsbewusstsein. Schnippisch entgegnet er: „Und wie bitte schön, soll ich meinen Sohn dazu bringen, ruhig zu sein?“ Die Flegelhaftigkeit dieser Replik verschlägt einem fast die Sprache. Doch der Realangestellte ist nicht auf den Mund gefallen. „Vielleicht bräuchte er mal eine Tracht Prügel. Das ist ja nicht normal, wie der sich aufführt. Hier sind noch andere Menschen, die wollen in Ruhe einkaufen.“ Mit einer Arroganz, wie man es nur von der Friedrichshainer Coffee-to-Go-Boheme kennt, winkt der Vater ab: „Ich schlage mein Kind nicht.“

Diese Unverfrorenheit hätte in jedem beliebigen Mikrokosmos wohl dazu geführt, dass die Situation eskaliert, irgendjemand die Beherrschung verloren hätte. Doch nicht hier, wie ich, ich bin erneut verblüfft, feststellen muss. Ein stiernackiger Bodybuilder mit tief liegenden Augen und hervorstehenden Augenbrauen interveniert: „Dann schlag ich ihn.“ Und ehe der Vater reagieren kann, scheuert er dem kleinen Mika eine. So viel subtilen Humor hätte man diesem äußerlich so rohen Kerl gar nicht zugetraut. Mehrere Schaulustige klatschen. Der kleine Junge unterbricht sein Schreien zwar nicht. Aber dafür bricht der Vater seinen Einkauf ab und macht sich, früher als geplant, auf den Heimweg, zurück in den Friedrichshain.

Liebe Hörer, auch meine Zeit endet nun. Was bleibt von diesem Ausflug zu Real im Ringcenter. Vielleicht zwei Erkenntnisse, zum einen, dass Lichtenberg ganz anders ist als gemeinhin angenommen und zum anderen, dass nichts stärker ist als eine Gemeinschaft, die zusammenhält. Mit diesen nachdenklichen Worten gebe ich zurück ins Studio.
S.S.

Montag, 16. Mai 2011

Zensus 2011

Verweigern darf man sich den Fragen nicht, aber meines Wissens ist nirgendwo vorgeschrieben, wie man antworten soll. Hier der Beginn einer Reihe an Strategien, um das Interview ein bisschen interessanter zu gestalten.

1) Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt

Interviewer: Guten Tag, Schlegel mein Name. Und das ist Frau Böhm, meine Kollegin. Wir kommen wegen der Zensusbefragung. Hier sind unsere Interviewerausweise.

Döbel: Was?! Sie wollen mich befragen?!

I: Ja, Sie und alle weiteren Haushaltsmitglieder.

D: Mich??!!

I: Ja.

D: Geilgeilgeil!! Yeahyeahyeah! Ich werd befragt, jah! Jah! Geil! Geil! …

I: Ich fang mal an. Nennen Sie uns bitte zuerst Ihren Vor- und Ihren Nachnamen.

D: Puh. Huh. … Geil. Wow. Ich kann’s kaum fassen. Puh. Fantastisch.

I: Nennen Sie uns bitte zuerst Ihren Vor- und Ihren Nachnamen.

D: Wahnsinn!!! Sie können sich gar nicht vorstellen, wie glücklich ich bin, dass gerade ich, der nie irgendwo mitmachen darf, ausgewählt wurde. Nie, wissen Sie, nie klappt was bei mir. Nie will jemand wissen, was mit mir ist. Und jetzt Sie. Als ich die Karte im Briefkasten gefunden habe, hatte ich es noch für einen Streich gehalten.

I: Vielleicht könnten wir trotzdem schon mal anfangen.

D: Einfach nur Wahnsinn! Wow! Wissen Sie, normalerweise interessiert sich ja nicht mal meine Freundin für mich und jetzt gleich ganz Deutschland. Das ist einfach nur mega! Hammer!

I: Wir freuen uns, dass Sie so voller Enthusiasmus sind. Es wäre aber gut, wenn wir anfangen könnten, denn wir müssen auch noch andere befragen.

D: Gleich! Ich will nur noch mal kurz meine Mutti anrufen, um ihr davon zu berichten … Hallo, Mutti! Du glaubst gar nicht, wer hier vor meiner Tür steht … Die Leute von der Zensusbefragung … Doch, wirklich!! … Nein, keine Verarschung … Moment. Könnten Sie mal kurz ins Handy sprechen. Meine Mama glaubt mir nicht …

I: … Äh …

D: Hier!

I: Hallo, Schlegel mein Name. Erhebungsberechtigter.

D: Und Sie auch.

Interviewerin2: Böhm mein Name.

D. Siehst, Du, Mutti, ich hatte Recht. Das ist doch Wahnsinn, Mama. Oder? Wie ein Sechser im Lotto. … Ja. … Ja… Genau … Traumhaft! … Ja. … Einfach nur Wahnsinn!! … Echt!

I: Entschuldigen Sie! Könnten Sie das Telefonat verschieben?

Zwanzig Minuten später.

D: So, da bin ich wieder, wo waren wir stehen geblieben?

I: Sagen Sie uns bitte zunächst Ihren vollen Namen.

D: Peter Döbel.

I: Und Ihre Adresse.

D: Scharnweber Straße 33. 10245 Berlin.

I: Wie lautet Ihre Telefonnumer?

D: Also, 32 … nee. 23 … Scheiße. Jetzt fällt die mir nicht ein. …

I: Haben Sie die vielleicht irgendwo notiert….

D: Die liegt mir auf der Zunge. 321 … neee. Ich schwöre Ihnen, ich habe die Extra für dieses Interview gelernt.

I: Oder wollen Sie uns kurz von Ihrem Telefon aus anrufen, damit …

D: Fuck! Fuckfuckfuckfuck!

I: …. wir sie auf unserem …

D: Scheiße! Fuck! Kacke! Pisse!

I: …Display haben.

D: Nein. Ich will alleine drauf kommen. Ohne zu betrügen. …Mensch! Vielleicht doch eher 532 …. Nee, Kacke, Kacke, Kacke …Vielleicht können Sie mir eine Eselsbrücke geben. Nennen Sie mir mal ein paar Ziffern zwischen 0 und 9. Mal sehen, vielleicht fällt dann der Groschen, mit welcher Ziffer meine Telefonnummer anfängt.

I. 0 … 1 … 2… 3… 4…5…6…7…8…9.

D: Nee. Ist nicht dabei. Kacke!! Ich könnte kotzen. Das kann doch nicht sein. Immer ich. Warum passiert denn immer mir so was. Scheißescheißescheiße!!

I: Herr Döbel. Wir können auch erst mal weitermachen und am Ende noch mal auf die Frage zurückkommen.

S: Ok. … Huhh! Erstmal wieder beruhigen. Huhh. Phhh. Phhh. … So, weiter geht’s. Nicht verrückt machen lassen. Also, was ist die nächste Frage?

I: Welches Geschlecht haben Sie? Weiblich oder Männlich?

D: Huhh. Konzentrieren. … Männlich! Ja, genau! Männlich! …Puh. Geht doch.

I: Wann wurden Sie geboren?

D: … Am … na, hah, … das gibt’s doch nicht. … das wusste ich doch eben noch. Das hatte ich doch auch gelernt. Scheiße! Jetzt bin ich total aus dem Konzept. Fuck! Und alles nur wegen dieser scheiß Telefonnummer. Fuck. Pisse. … Da krieg ich einmal die Chance, und dann verkack ich’s. Ich bin so ein Versager. So ein Looser. So ein Opfer. So ein Hurensohn! So ein Toy. … Ich hasse mich. Kein Wunder, dass sich keiner für mich interessiert.

I: Soll ich Ihnen einfach mal ein paar Geburtsdaten nennen. Vielleicht ist ja Ihres dabei. Was ist mit 23.06.1957?

D: Nein.

I: 07.9.1989?

Auch nichts. Alles nur wegen dieser scheiß Telefonnummer.

I: Was ist mit dem 15.02.1911?

D: Das hat doch keinen Sinn. Wenn ich jetzt schon die Antworten nicht weiß, dann bestehe ich die Befragung doch nie im Leben. Da falle ich doch glatt durch. Ich ruf jetzt erstmal meine Mutti an. Und dann schneide ich mir die Pulsadern auf. Das hat doch alles keinen Sinn. Ich bin einfach nur ein Opfersohn.


S.S.

Mittwoch, 4. Mai 2011

Verliebt in Radeland: Folge 400

Die Story tritt auf der Stelle. Da sie so nicht Ulfs Herz gewinnen kann und obendrein noch immer seine Assistentin ist, beschließt sie, den Weiler vom verstorbenen Horst Krause zu kaufen und daraus die Radeländer Arkaden zu machen. Dort entdeckt sie den sehr mittlerweile nicht mehr so gepflegten, aber immer noch sehr attraktiven Richy del Zampano (gespielt von George Clooney). Der hält um ihre Hand an. Sie sagt sich: Warum nicht? Besser Einer als Keiner! Das ganze Dorf ist eingeladen. Um sich den Autochthonen gegenüber integrationswillig zu zeigen, beschließt Lara-Lea-Anastasia, sich gemäß dörflichen Traditionen zu kleiden, so wie alle Frauen dort rumlaufen: also mit einem fleckigen hellbraunen Kleid, Lockenwicklern in den Haaren, einer Brille, wie man sie in den 70ern von den Politikern der DDR-Volkskammer gewohnt war und einer Zahnspange, die über einen Drähten mit den Ohren verbunden ist. Durch die Spange, die man auch nicht zum Zähneputzen rausnehmen kann, bekam sie sogleich Mundgeruch. Jetzt fällt Lara-Lea-Anastasia auch Bäckermeister Ulf das erste Mal auf. Sie war ja in Wirklichkeit eine richtig schön hässliche Frau, noch hässlicher als die ganze Dorfbagage. Er verliebte sich augenblicklich in sie und bat sie, noch bevor sie Richy del Zampano das Ja-Wort geben kann, doch lieber ihn zu ehelichen. Sie schlägt ein und gibt Richy del Zampano noch am Traualtar den Laufpass, der sich darauf aus Verzweiflung das Leben nimmt. So geht die Telenovela gerade noch mal gut aus.

Sonntag, 27. März 2011

Verliebt in Radeland: Folge 399

Die bildhübsche Sexbombe Lara-Lea-Anastasia ist weiterhin unglücklich in Dorfbäcker Ulf verliebt, der auch nach so vielen Folgen immer noch widerlich aussieht und ist wie zu Beginn der Telenovela. Der weiß nichts von seinem Glück und schnackselt lieber weiter die ganzen Dorftröten durch. Lara-Lea-Anastasia tritt bei dem Bemühen, Ulfs Aufmerksamkeit zu gewinnen, von einem Fettnäpfchen ins nächste. Zum Beispiel schüttet sie sich eine Tasse Kaffee über die Unterarme und bekommt davon richtige Verbrennungen. Das macht sie zum Gespött der ganzen Weiber von Radeland, die natürlich in Wirklichkeit nur neidisch sind, weil sie nicht die Assistentin vom Ulf sein dürfen. Das ist fies, weil Verbrennungen wehtun. Lustig ist es trotzdem für Zuschauer am Bildschirm. Lara-Lea-Anastasia weiß allerdings nicht, dass ihr bester Freund Richy del Zampano immer noch in sie unsterblich verliebt ist. Das liegt auch daran, dass dieser es seit seiner Ankunft vor über einem Jahr noch nicht geschafft hat, mit ihr mal ein Wort zu wechseln. Er ist nämlich im Weiler des mittlerweile verschiedenen Dorfmüllers Krause eingesperrt, der vor seinem Tod dort abgeschlossenen hatte.
 
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